Urban Fantasy: going intersectional von Aşkın-Hayat Doğan & Patricia Eckermann (Hrsg.) | Rezension

Infos zum Buch

Herausgegeben von: Aşkın-Hayat Doğan & Patricia Eckermann
Genre: Urban Fantasy
Sprache: Deutsch
Seitenzahl: 411
ISBN (Print): 9783947720637 (Ach je Verlag, 2021)

Kurzgeschichten von: Nora Bendzko, Jenny Cazzola, Aşkın-Hayat Doğan, Luna Day, Patricia Eckermann, David Grade, Stefanie Huber, Ilka Mella, Oliver Kontny, Jade S. Kye, Marcel Lewandowsky, Victoria Linnea, Robin Nayeli, Isabella von Neissenau, Lena Richter, Ronja Schrimpf, Schwartz, James A. Sullivan, Teresa Teske, Judith Vogt, Alexander Neumann, Annie Waye und Amalia Zeichnerin

Content Notes gibt es bei Bedarf in einem Extra-Post.

 

Kurzbeschreibung

Urban Fantasy, eines der spannendsten Genres der phantastischen Literatur, bietet den Raum für die literarische Verarbeitung dessen, was uns als Gesellschaft umtreibt.
Das urbane Setting, in dem magische Wesen oft unerkannt unter Menschen leben und wirken, ist ideal, um auf die verschiedenen Diskriminierungsformen in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen: Rassismus, Sexismus, Ableismus, Antisemitismus und weitere Arten der Menschenfeindlichkeit gehören nicht nur in Deutschland zur Alltagswirklichkeit. Auch der privilegierten Öffentlichkeit ist das inzwischen bekannt.
Doch die wenigsten haben bisher etwas von Intersektionalität gehört. Dieser Begriff drückt aus, dass eine Person nicht nur von einer, sondern von mehreren Diskriminierungsformen betroffen ist. Schon eine einzelne Unterdrückungsform macht es für Menschen fast unmöglich, als gleichwertig respektiert zu werden, sich in den Medien repräsentiert zu sehen und gehört zu werden – und je mehr Unterdrückungsformen auf einer Person lasten, desto unmöglicher wird es.
In der deutschsprachigen Fantasy sind intersektionale Charaktere bisher leider rar gesät. Daher räumen wir in Urban Fantasy: going intersectional den Geschichten einen Platz ein, die Intersektionalität im Fokus haben, wie die der asexuellen Vampirin, der chronisch kranken lesbischen Hexe, der muslimischen Superheldin, der übergewichtigen Sirene oder der trans Elfenprinzessin.

 

 

Meine Meinung

Mehr oder weniger Live-Gedanken zu den Geschichten gibt es auf meinem Twitter-Account. Dort finden sich ebenfalls noch einmal die Content Notes. Achtung: Einige Tweets enthalten (gekennzeichnete) Spoiler zu den Geschichten.

Ich muss sagen, dass es mir sehr schwer fiel, eine abschließende Meinung zur Sammlung insgesamt zu formulieren, weil die Geschichten und damit auch meine Gedanken dazu so unterschiedlich waren und sind.

Einige Geschichten mochte ich wirklich sehr und ich habe sie total gern gelesen. An vielen Stellen fand ich auch den Themenkomplex Marginalisierung, Diskriminierung, Intersektionalität gut umgesetzt. Besonders Geschichten, in denen es gar nicht hauptsächlich um die Marginalisierungserfahrungen der Figuren ging, sondern diese einfach Teil der Lebenswelt der Protagonist_innen waren, fand ich sehr gut, weil so auch gezeigt wird, dass marginalisierte Personen mehr sind als diese Erfahrungen, aber natürlich dennoch von ihnen beeinflusst werden und das ja oft zu kurz kommt, wenn es ~für die Diversity~ schablonenartige Nebenfiguren gibt.

Zu meinen Lieblingsgeschichten gehörte Die letzte Heimkehr von James A. Sullivan, ein großartiges Beispiel dafür, dass diskriminierende und -istische Beleidigungen, wie das N-Wort oder Sexworkfeindliche Begriffe nicht ausgeschrieben werden müssen, um darzustellen, dass eine Figur Diskriminierung erfährt. Insgesamt waren in dieser Geschichte Marginalisierungs-/Diskriminierungserfahrungen ebenso sehr Teil des Lebens der Hauptperson wie die nicht-menschlichen Aspekte und damit verbundene Erfahrungen. Die Geschichte hat zwar düstere Elemente, besonders das Ende ist aber auch hoffnungsvoll, was ich sehr angenehm ausgeglichen empfunden habe. Auch den Schreibstil fand ich sehr angenehm zu lesen und sowohl Worldbuilding-Details als auch die Hintergrundgeschichte der Hauptfigur waren für mich stimmig und weder zu viel noch zu wenig. (Ich wäre aber durchaus neugierig auf mehr Geschichten in diesem Universum!)

Eine weitere Lieblingsgeschichte war Das Innerste der Welt von Lena Richter, die ich besonders für die tolle Umsetzung der Du-Perspektive, das parallele Existieren von magischen Fähigkeiten und einer chronischen Erkrankung sowie ebenfalls für mein Empfinden genau richtig viele Worldbuilding-Details. Besonders gefreut habe ich mich außerdem, dass es eine (erwähnte) Nebenfigur ein Neopronomen verwendet.

Sehr gerne mochte ich auch Wünsch mir die Apokalypse von Nora Bendzko, in der es einerseits um eine Rettung vor der Apokalypse geht und zum anderen um ein, für die Hauptperson verwirrendes, Beziehungsdreieck, dessen Auflösung mich sehr gefreut hat. Die Mischung aus Kampf/Weltrettung und Beziehungsthema fand ich sehr gut gelungen und außerdem ist auch diese Geschichte ein großartiges Beispiel dafür, dass Themen wie Rassismuserfahrungen oder internalisierte Queerfeindlichkeit Teil einer Geschichte bzw. Teil der Erfahrungen von Figuren sein können, ohne dass eine Geschichte sich nur darum dreht.

 

Was mir leider aber oft gefehlt hat, war einerseits Sensibilität für die Themen, die nicht direkt behandelt wurden. Beispielsweise gab es einige Geschichten, in denen total viele ableistische Begriffe verwendet wurden und das finde ich einfach schade und frustrierend, wenn in Geschichten, die an sich cool sind, die gute Ideen und Ansätze haben, dann gleichzeitig andere Diskriminierungsformen reproduziert werden und unter den Tisch fallen.

Andererseits gab es aber auch einige Geschichten, bei denen ich mich leider fragen musste, ob die schreibenden Personen sich mal mit den Diskursen der jeweiligen Communities und den Erfahrungen betroffener Personen auseinandergesetzt haben & das hat mich schon echt enttäuscht. Vor allem, weil Leser_innen, die sich ebenfalls noch nicht gut mit den Themen auskennen, eventuell problematische Elemente nicht unbedingt bemerken würden, wenn diese nicht innerhalb der Geschichte kritisiert und nicht zusätzlich eingeordnet werden.

Besonders schwierig zu lesen war für mich so beispielsweise Die Prinzessin von Isabella von Neissenau, die leider sehr viel Transfeindlichkeit reproduziert, obwohl ich durchaus sehen kann, welche positive Message („trans Frauen sind Frauen“) sie eigentlich teilen wollte.

Eine möglicherweise ähnliche gute Intention hatte die Geschichte Antimykotikum von Oliver Kontny, bei der ich mich allerdings fragen musste, für welche Zielgruppe sie geschrieben wurde, wo genau sich die Intersektionalität zeigen sollte und ob der Verfasser sich mit dem Thema wirklich näher befasst hat. Die Geschichte reproduziert nicht nur durch eine Macker-Hauptperson mit Erzählperspektive die Vorstellung „Männlichkeit“ (nicht explizit toxische Männlichkeit) an sich sei das Problem und eine Art „Krankheit“, die geheilt werden muss, was zum einen ableistisch ist und zum anderen von Marginalisierung betroffenen Männern (bspw. trans oder inter Männer) in den Rücken fällt. Außerdem wird intersektionaler Feminismus als eine Art Sekte dargestellt, zu der „Geheilte“ dann gehören, was ich für ein sehr fragwürdiges Bild halte.

Insbesondere, da viele Geschichten belastende Themen behandeln und gerade vor Themen wie Suizid ja selbst von Menschen, die eher spärlich mit CNs/TWs umgehen, häufig gewarnt wird, hätte ich mir für diese Anthologie dringend Content Notes gewünscht. Mich würde sehr interessieren, ob es eine bewusste Entscheidung gegen Content Notes gab und wie diese begründet wurde.  Ich kann diese Wahl leider absolut nicht nachvollziehen.

Insgesamt bleiben meine Gefühle also leider gemischt. Es gab Geschichten, die ich sehr gern mochte, einige mit guten Ansätzen und einige, bei denen ich mich nach wie vor frage, warum sie ausgewählt bzw. so abgedruckt wurden.

Ich würde aber trotzdem auf jeden Fall empfehlen, die Sammlung oder auch nur einzelne Geschichten daraus zu lesen, besonders auch, wenn ihr selbst schreibt und/oder euch sonst mit der Darstellung von marginalisierten Figuren beschäftigt. Ich persönlich habe aber, obwohl ich an vielen Stellen kritisch war und das Lesen öfter mal anstrengend fand, auch Anregungen für mich selbst mitgenommen, was funktioniert und was eher nicht. Ich denke, wer sich mit Intersektionalität beschäftigt, wird vielleicht ein ähnliches Leserlebnis haben. 

Aber es gab natürlich auch Geschichten, die mir beim Lesen einfach Spaß gemacht haben, wie beispielsweise die drei, über die ich oben etwas mehr geschrieben habe. Wer gern mehr darüber wissen möchte, was ich beim Lesen der anderen Geschichten gedacht habe, kann gerne in meinem oben verlinkten Twitter-Thread vorbeischauen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.