Und ich leuchte mit den Wolken – Sophie Bichon | Rezension

Infos zum Buch

Geschrieben von: Sophie Bichon
Genre: Romance (New Adult)
Sprache: Deutsch
Seitenzahl: 448
ISBN (Print): 978-3-453-42530-9 (Heyne)

Content Notes: Queerfeindlichkeit, Misgendern, Rassismus, kulturelle Aneignung, Ableismus/Saneismus, Suizid, Fremdouting, Sex, Übergriffigkeit

 

 

Kurzbeschreibung

Lilou sitzt im Zug von München nach Paris. Sie hat gerade ihr Abitur gemacht und will in der Heimatstadt ihrer Mutter erfahren, wer sie wirklich ist. Kurz vor Paris steigt Mignon zu. Sie ist cool, wunderschön, und obwohl sie mit Lilou zu flirten scheint, bleiben ihre Augen ernst und ihre ganze Haltung abweisend. Dennoch hat Lilou das Gefühl, dass sie in ihr Innerstes blickt. Beim Abschied am Gare du Nord spürt sie: Diese Frau könnte ihr gefährlich werden, und dafür hat sie keinen Platz in ihrem Leben. Zwei Wochen später trifft sie Mignon zufällig auf einer Party wieder, und ihr wird klar, dass diese magische Intensität nicht nach Grenzen fragt.

 

Meine Meinung

Als ich zum ersten Mal von der „Love is Love“-Reihe gehört habe, habe ich mich einerseits gefreut, weil es eine New-Adult-Trilogie einer queeren Autorin in einem großen Verlag werden würde und war andererseits etwas skeptisch, weil ich den Slogan „Love is Love“ aus aktivistischen Kreisen kenne und ihn und das dahinterstehende Bild von Queerness ziemlich furchtbar finde. 

Trotzdem wollte ich die Reihe sehr gerne lesen – immerhin kommen (Reihen-)Titel und Marketing-Entscheidungen ja oft vom Verlag und müssen noch nicht heißen, dass ein Buch auch schlecht ist. 

Leider hat sich vieles, wovor ich vor dem Lesen Sorge hatte, dann auch tatsächlich im Buch wiedergefunden, zusätzlich zu einigen anderen Dingen, die sich ziemlich fragwürdig finde.

Achtung, teilweise Spoiler!

Rassismus & kulturelle Aneignung.

Eine der weißen Hauptpersonen trägt Locs („Dreads“) und hat ein Mandala-Tattoo, außerdem gibt eine weiße Person einer anderen weißen Person den Spitznamen „Pocahontas“, wegen der Wortbedeutung des Namens, was ziemlich furchtbar ist, wenn man bedenkt, welche reale Person unter diesem Namen bekannt war und was ihr von weißen Kolonisten angetan wurde.

Umgang mit psychischer Erkrankung.

Lilou will in Frankreich mehr über ihre Mutter und ihre Familie mütterlicherseits erfahren, nachdem ihre Mutter spurlos verschwunden ist, als sie ein Kind war. alles, was sie noch von ihr gehört hat, war ein Brief Jahre später, der sie dazu bewegt, nach der Mutter zu suchen. An sich finde ich, das ist eine coole Idee für einen Plot neben dem Romance-Plot, weil es viel Potential für Charakterentwicklung gibt und da hätte meiner Ansicht nach viel draus gemacht werden können. 

In der ersten Hälfte des Buches verläuft die Suche nicht besonders erfolgreich, Lilou und wir als Leser_innen erfahren nur, dass ihre Mutter eine Zeit lang als Tanzlehrerin bei ihrer frühen Arbeitsstelle angestellt war und es „Probleme“ gab, die so beschrieben werden: 

„Ihren Kollegen gegenüber soll sie sich arrogant und eifersüchtig verhalten haben. Und dann … kam irgendwann der große Knall. Eine Schülerin hat sich beschwert, dass Elodie sie geschlagen hätte, als sie eine besonders anspruchsvolle Figur zum wiederholten Mal nicht richtig ausgeführt hatte. Schließlich kam immer mehr heraus: Dass sie einer anderen Schülerin etwas zum Aufputschen angeboten und einen ihrer Schüler zu küssen versucht hat. Als dann auch noch Tabletten bei ihr gefunden wurden, wurde sie fristlos entlassen.“

Danach gab es zu dem Thema lange keine Neuigkeiten mehr, bis jemand Lilous Mutter auf einem Foto als seine Nichte erkennt, wodurch Lilou nicht nur plötzlich Familienmitglieder kennenlernt, sondern dann auch die Geschichte erfährt. Ich fand es schon eine etwas seltsame Plot-Entscheidung, das so schlag auf schlag kurz vor Ende des Buchs aufzulösen, unangenehmer wurde das aber dann noch dadurch, dass Lilou und Leser_innen erfahren, dass eine psychische Erkrankung verantwortlich für das Verhalten ist. Es wird erklärt, dass die Mutter manische Episoden und einen Suizidversuch hinter sich hat, woraufhin Familienmitglieder für sie entschieden haben, es wäre besser, sie einweisen zu lassen und seitdem hat auch die Familie kaum noch Kontakt zur ihr. Lilou lernt ihr Mutter im Buch nicht kennen, streitet sich nach dieser Eröffnung noch mit ihrem Vater, den sie beschuldigt, es vor ihm geheim gehalten zu haben und das war so im Großen und ganzen das Thema „Lilous Mutter“. Dadurch, dass es am Ende nicht mehr richtig aufgearbeitet wird, wirkt es auf mich extrem wie Dämonisierung von psychisch kranken Menschen. Es gibt schon genug von der Vorstellung, dass psychische Erkrankungen Menschen zu schlechten Eltern und Partner_innen und Menschen generell macht und das Buch stellt es leider ein bisschen so dar als wäre „und dann sperren wir die Leute eine Weile in eine Klinik“ die gute Lösung für psychische Erkrankungen. Natürlich muss Lilou keinen Kontakt zu einer Person haben wollen, die missbräuchlich gegenüber anderen Menschen war und kein Interesse an ihr hat(te) bzw. sie einfach verlassen hat, aber es fehlte mir einfach ordentliche Auseinandersetzung damit und es wirkte so leider einfach wie schlecht konstruiertes Plotinstrument, um sie für das Drama eine Weile aus Paris wegzukriegen. (Sie fährt vorübergehend zurück nach Deutschland, als sie das erfährt.)

queer, aber normativ.

Lilous erste Beziehung war mit einem trans Jungen, der zwar immerhin nicht gedeadnamed wird, dessen Transsein aber so beschrieben wird: „An das erste Mädchen, mit dem ich Hand in Hand durch die Schulflure gelaufen war. Ich hatte schon damals gewusst, dass sie sich nicht in dem Maße mit ihrem biologischen Geschlecht identifizierte, wie ich es tat, aber das war mir egal gewesen. […] Irgendwann hatte sie sich gewünscht, dass ich sie Tim nenne. Und für mich war sie zu einem er geworden.“ Es ist so offensichtlich, dass diese Stelle cissig gut gemeint war, aber mehr halt auch nicht. Warum bezeichnet sie ihn als Mädchen? Warum werden überhaupt sie-Pronomen verwendet? Warum biologisches Geschlecht? 

Wenn über Liebe gesprochen wird, geht es oft um Konzepte wie Seelenverwandtschaft und Schicksal und füreinander bestimmt sein. Das ist an sich noch kein Problem, natürlich kann jede_r seine Beziehung(en) so beschreiben, der_die das möchte, aber leider war es oft sehr verallgemeinernd gesagt, als wäre das für alle Menschen so. Dass ist extrem normativ und gerade im Kontext eines queeren Buchs hätte ich mir mehr awareness für einerseits Menschen, die romantische Gefühle und Anziehung nicht so erleben (aromantische Menschen bspw.)  und andererseits eben für alternative Beziehungskonzepte gewünscht, die nicht das Bild der einen großen Liebe reproduzieren. Gerade Mignons (noch nie verliebt, vor allem unzufriedenstellende sexuelle Beziehungen) hätte viel Potential gehabt, da mehr drauf einzugehen. Stattdessen wurde uns irgendwie größtenteils Lilous romantisiertes Bild von Liebe und Schicksal aufgedrängt, was ich extrem anstrengend fand.

Das Thema Coming-Out.

Ein typisches Motiv in queeren Romance-Geschichten ist „geoutete Person ist mit nicht geouteter Person zusammen und das Geheimhalten der Beziehung ist einer der Hauptkonflikte“ und ich muss ganz ehrlich sagen: Ich würde gern mal etwas anderes lesen. Viel mehr gestört haben mich aber auch hier (verallgemeinernde) Aussagen wie „Natürlich war mir klar, dass letzteres* die schwierige Option ist. Aber wenn man die richtigen Menschen im Leben hat, dann ist es auf einmal leicht zu sich zu stehen.“ (*letzteres =  outen und „sie selbst sein“). Es mag sein, dass das für Lilou so ist, aber warum ist das „natürlich“ so? Was ist mit Menschen, die halt einfach nicht „die richtigen“ Menschen in ihrem Leben haben? Und na ja, auch „die richtigen“ Menschen im direkten Umfeld helfen nicht gegen sonstige Queerfeindlichkeit. Wahrscheinlich ist es realistisch, als achtzehnjährige queere Frau so zu denken, aber dafür, dass Lilou an vielen Stellen so reflektiert und reif wirken soll, finde ich das ehrlich gesagt ziemlich unsensibel und es ist einfach eine sehr privilegierte Position, in der sie da ist. Kann eine_r natürlich so schreiben, aber es wird halt von nicht wirklich gechallenged, was dann meiner Meinung nach wieder dazu beiträgt, dass Queersein auf „Love is Love“ und letztendlich, individuelle Intoleranz der „falschen“ Menschen reduziert.

Ein weiterer Punkt beim Thema Coming-Out ist Lilous eigene schlechte Erfahrung mit einer Mitschülerin/Ex-Freundin. Die beiden werden fremdgeoutet und Lilous Ex verleugnet Lilou, was auch so ein typisches Motiv in queeren Geschichten ist. (Ich will übrigens nicht sagen, dass es solche Situationen nicht gibt oder sie unrealistisch sind! Darum geht es mir nicht.) Natürlich war das Verhalten der Ex an dieser Stelle nicht in Ordnung, aber dadurch, dass es eben Lilous Geschichte ist, liegt der Fokus (trotz Aussprache am Ende des Buch) natürlich bei ihren Gefühlen und ihrer Verletzung. Statt sich damit zu beschäftigen, welche Verzweiflung und Angst queerfeindliche Strukturen und Dynamiken auslösen können, liegt der Fokus auf Lilous Verletztheit,  wodurch erklärt wird, warum sie so schlecht damit klarkommt, dass Mignon nicht bereit ist, sich zu outen. Queerfeindliche Erfahrungen sind also letztendlich ein Plotinstrument für den Konflikt in der Beziehung, was natürlich – wie gesagt – realistisch sein kann. Ich frage mich nur, ob es nicht mal dringend Zeit wird, andere Geschichten zu erzählen? In denen Figuren Queerfeindlichkeit erleben, aber sie zusammen durchstehen? Queere Beziehungen könnten ja auch einfach mal aus anderen Gründen zerbrechen.

Consent und Sex.

Lilous und Mignons erster Kuss findet statt, während sie betrunken sind und Mignon küsst Lilou, obwohl diese nein sagt und ich habe nur eine Frage:

Warum? Warum denkt irgendjemand, es wäre eine gute Idee, das so zu schreiben?

Es gibt später eine Entschuldigung dafür, aber in der Entschuldigung fallen die Aussagen: „Ich dachte, du willst auch, dass …“ und „Ich konnte in dem Moment an nichts anderes denken, als dich zu küssen.“ Ich finde diese ganze Sache extrem fragwürdig – klar: Figuren müssen nicht perfekt sein und dürfen Fehler machen, aber a) hätte die Kussszene, die darauffolgende Unsicherheit/Verwirrung und die Kontaktpause auch ohne ein übergangenes Nein funktioniert und b) diese Entschuldigung, die angenommen wird, ist so ekelhaft typisch für übergriffige Leute, dass ich mich wirklich frage, was sich dabei gedacht wurde.

Ein bisschen geärgert habe ich mich leider auch über einige Beschreibungen während die beiden Sex haben, zum Beispiel die Annahme, dass Menschen mit ähnlichen Körperteilen ja schon die gleichen Dinge mögen. Klar, ist es ein guter erster Anhaltspunkt, zu überlegen, was eine_r selbst mag, wenn’s darum geht, neue Dinge auszuprobieren. Aber mehr halt auch nicht. Ich bin auch ein wenig genervt davon, wie Leute gleich beim ersten Mal so unfassbar guten Sex haben wie nie zuvor und vor allem ohne ordentlich zu kommunizieren.. Das ist kein Thema, was mich nur bei diesem Buch stört, aber irgendwie habe ich länger nichts mehr gelesen, bei dem es so krass war.

Fazit.

Es war ungefähr das drin, was ich von einem Buch befürchte, auf dem „Love is Love“ draufsteht, was ich extrem schade finde, weil ich mich natürlich freue, wenn queere Autor_innen queere Bücher schreiben können, die von großen Verlagen veröffentlicht werden. Ich wünsche mir von solchen Büchern aber einfach mehr awareness für (queere) Themen außerhalb der eigenen Queerness. Ich hoffe wirklich, Band 2 und 3 der Reihe werden nicht noch unangenehmer, wenn die Autorin außerhalb ihrer eigenen Erfahrung schreibt.

2.5/5 Katzen

 

Drei gezeichnete Katzenköpfe mit zufriedenen Blick. neben jedem Kopf sind zwei rosafarbene Herzchen

 

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